Film

Interview zu DAS CABINET DES DR. CALIGARI


  • Restauraurierung mit dem Kameranegativ aus dem Bundesarchiv/Filmarchiv
  • Nitromaterial von zeitgenössischen Verleihkopien
  • Motiv aus der digitalen Restaurierung von 2013
  • Motiv aus der digitalen Restaurierung von 2013
  • Motiv aus der digitalen Restaurierung von 2013
  • Motiv aus der digitalen Restaurierung von 2013
  • Motiv aus der digitalen Restaurierung von 2013
  • Standfoto von 1920
  • Standfoto von 1920
  • Standfoto von 1920
  • Standfoto von 1920
  • Restauraurierung mit dem Kameranegativ aus dem Bundesarchiv/Filmarchiv

Anke Wilkening ist bei der Murnau-Stiftung für Restaurierungen zuständig. In großen Projekten restaurierte sie in den vergangenen Jahren bedeutende Klassiker wie Metropolis oder Die Nibelungen. Über die Arbeit an Das Cabinett des Dr. Caligari sprach sie im November 2013 mit Horst Martin.

Warum war die Restaurierung notwendig?
Die bisherigen Fassungen werden der filmgeschichtlichen Bedeutung dieses Meilensteins des Weimarer Kinos, des expressionistischen Kinos und der Filmgeschichte nicht mehr gerecht. Die drei früheren Restaurierungen des Films basierten nicht auf dem erhaltenen Kameranegativ, sondern auf Kopien und Duplikaten mit entsprechenden Qualitätseinbußen.

Was unterscheidet die aktuelle Restaurierung von den früheren?
Erstmals werden bei der aktuellen Restaurierung alle relevanten Materialien verwendet: Das im Bundesarchiv-Filmarchiv in Berlin erhaltene Kameranegativ sowie zeitgenössische Exportkopien aus verschiedenen internationalen Archiven.

Wie verläuft die Restaurierung?
Die Restaurierung erfolgt digital in 4K- Auflösung bei L`Immagine Ritrovata in Bologna, einem auf Filmrestaurierung spezialisierten Dienstleister. Das Kameranegativ, das die Basis der Restaurierung darstellt, hat zwar keine Zersetzungserscheinungen, kaum Schrammen und Risse. Es stellt uns dennoch vor eine große Herausforderung: In zwei Rollen gibt es starke Perforationsschäden, die sorgfältig repariert werden mussten, um beim Scannen einen guten Bildstand zu erhalten. Der erste Akt fehlt, diesen rekonstruieren wir Stück für Stück mit Hilfe verschiedener Kopien. Für jede Einstellung wird überprüft, in welcher Quelle sie am vollständigsten, am wenigsten beschädigt und in bester fotografischer Qualität vorliegt – ein sehr komplexer Prozess, denn nicht immer erfüllt eine Quelle alle drei Anforderungen. Daher muss hin und wieder eine Einstellung mit Hilfe von zwei Quellen zusammengesetzt werden. Sehr aufwändig ist auch das Beheben von Bildsprüngen: In vielen Einstellungen des Kameranegativs gibt es Lücken von mitunter bis zu 20 Bildern. Sie werden durch Bilder aus den anderen Quellen gefüllt, die jedoch in ihrer Schärfe und im Kontrast deutlich unterlegen sind und mittels eines digitalen Composit-Prozesses eingepasst werden müssen.

Warum ist die Färbung so aufwändig?
Entsprechend der Praxis der 1920er Jahre wurden von CALIGARI schwarz-weiss Kopien hergestellt, die dann im Farbbad eingefärbt wurden. Durch diese sogenannte Virage erzielt man eine monochrome Einfärbung des Trägermaterials, die alle hellen Stellen im Bild farbig erscheinen lässt. Ein weiteres Verfahren ist die Tonung: Durch chemische Veränderung der fotografischen Emulsion können die Dichten farbig verändert werden. Für CALIGARI wurde zum Beispiel für die Rahmenhandlung eine Kombination beider Techniken angewandt: blaue Tonung auf orangefarbene Virage. Die Charakteristik dieser historischen Färbungen müssen wir nun mit Hilfe der gegenwärtigen Technologien der digitalen Farbkorrektur umsetzen.

Was lässt sich bei der Restaurierung noch optimieren?
Aufgrund der vergleichenden Analyse sämtlicher erhaltener Quellen konnten wir Schnittfehler identifizieren und korrigieren, die bisher nicht bemerkt worden waren. Das Kameranegativ enthält die meisten der expressionistisch gestalteten Zwischentitel als Blitztitel. Dadurch erhalten wir nun wesentlich bessere Titel, als in bisherigen Restaurierungen, die nur auf eine 16mm Kopie zurückgreifen konnten und die Titel aufblasen mussten. Darunter haben Schärfe und Kontrast sehr gelitten – bis hin zur Unleserlichkeit.

Was wird die restaurierte Fassung auszeichnen?
Da wir mit dem Kameranegativ arbeiten können, erhalten wir allein deshalb eine deutlich bessere Bildqualität. Die vergangenen Restaurierungen basieren auf zeitgenössischen Exportkopien, die in Schärfe und Kontrast nicht immer optimal sind und mitunter Abnutzungserscheinungen aufweisen. Durch die Kopierprozesse bei den damals fotochemisch durchgeführten Restaurierungen verliert man natürlich noch zusätzlich Schärfe und Grauabstufungen. Diesen fotografischen Verlust vermeiden wir nun durch die digitalen Kopierprozesse. Davon erhoffen wir uns auch eine bessere Umsetzung der historischen Färbungen. Gerade die Kombination von Virage und Tonung bei der Rahmenhandlung war im Ergebnis der restaurierten Fassung, die bis jetzt im Umlauf ist, sehr problematisch. Auch das Auffüllen der Bildsprünge und die Ergänzung fehlender Anfänge und Enden von Einstellungen wäre in der Vergangenheit so nicht möglich gewesen. Wir ergänzen auch fehlende Anfänge und Enden von Einstellungen. Oftmals sind die Irisblenden – die ja eine wichtige erzählerische Funktion erfüllen - unvollständig oder fehlen ganz. Gerade dieser Teil der Restaurierung wird einen entscheidenden Einfluss auf die Continuity des Films haben. Gleiches gilt für die Korrektur von Schnittfehlern.


Bildnachweise (Fotogalerie oben):

Restaurierung (2013/14):
Copyright: Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung, Wiesbaden (Murnau-Stiftung)
digitale Bildrestaurierung: L`Immagine Ritrovata – Film Conservation & Restoration, Bologna,

Nitropien (aus Verleihkopien der 1920er Jahre)
Fotos: Barbara Flueckiger, DIASTOR http://www.diastor.ch / Timeline of Historical Film Colors http://zauberklang.ch/filmcolors
Quellen: Archivo Nacional de la Imagen-Sodre, Montevideo/ Cineteca di Bologna, Filmmuseum Düsseldorf
Copyright: Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung, Wiesbaden

Kameranegativ (1920)
Fotos: L`Immagine Ritrovata - Film Conservation & Restoration, Bologna

Quelle: Kameranegativ Bundesarchiv-Filmarchiv, Berlin
Copyright: Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung, Wiesbaden

Standfotos (1920)
Quelle: Deutsches Filminstitut – DIF, Frankfurt am Main

DAS CABINET DES DR. CALGARI: Making-Of der digitalen Restaurierung


Hauptförderer der CALIGARI-Restaurierung
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