Film

Das Cabinet des Dr. Caligari in der Caligari FilmBühne: digital restaurierte Fassung der Murnau-Stiftung feiert Wiesbaden-Premiere

26. Mai 2014 – Mit einem Stummfilmkonzert feiert Das Cabinet des Dr. Caligari (DE 1919/20) in der digital restaurierten Fassung der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung seine Wiesbaden-Premiere in der Caligari FilmBühne. Der bei der Berlinale gefeierte Stummfilmklassiker von Robert Wiene wird mit Live-Musik von Uwe Dierksen (Posaune) und Hermann Kretzschmar (Klavier), Musiker des Ensemble Modern, begleitet. Für die Vorstellung am Donnerstag, 5. Juni (19 Uhr) läuft der Vorverkauf über die Caligari FilmBühne (12 Euro / 11 Euro ermäßigt).

„Die Besonderheit der Murnau-Stiftung liegt in ihrer Aufgabe als Hüterin eines einzigartigen Schatzes. Filme wie Metropolis oder Die Nibelungen und auch der heute vorgeführte – vielleicht erste Psychothriller – Das Cabinet des Dr. Caligari –, sind Teil unseres nationalen Filmerbes. Dieses für die Öffentlichkeit zu sichern und zu bewahren, ist eine große Verantwortung für alle Kulturbegeisterten“, versicherte Kunst- und Kulturminister Boris Rhein.
Das Land Hessen sehe sich hier mit in der Verantwortung und unterstütze deshalb seit vielen Jahren die Arbeit der Murnau-Stiftung. In Anerkennung dieser Aufgabe habe die Hessische Landesregierung den Erhalt und die Sicherung der Stiftung in ihre Koalitionsvereinbarung aufgenommen.
„Bundesweit ist die Stiftung hoch geschätzt. Die wichtige Arbeit ist allerdings nur mit sehr hohem finanziellem Aufwand zu bewältigen und kann nur durch einen gemeinsamen Schulterschluss von Bund, Ländern und Kommunen gestemmt werden“, erklärte Kunst- und Kulturminister Boris Rhein.

„Die Caligari FilmBühne verdankt Robert Wienes Meisterwerk ihren Namen. Auf die Wiesbaden-Premiere der digital restaurierten Fassung freuen wir uns nicht nur deshalb besonders. Durch die digitale Restaurierung und die eigens komponierte Musik wird die Aufführung als Stummfilmkonzert ein einzigartiges Ereignis“, betont Rose-Lore Scholz, Kulturdezernentin der Landeshauptstadt Wiesbaden.

„Die Rückkehr von Klassikern wie Caligari oder Metropolis – dank des erhaltenen Filmmaterials aus den 1920ern und der heutigen Möglichkeiten der Restaurierung in jahrzehntelang ungekannter Qualität – rückt die dringend benötigte Digitalisierung des Filmerbes in den öffentlichen Fokus. Was nicht in den kommenden Jahren digitalisiert – und oftmals restauriert und digital gesichert – werden kann, verschwindet von der Bildfläche. Die mit dem Filmerbe betrauten Archive, Stiftungen und Institute brauchen dafür gesellschaftliche Unterstützung und öffentliche Förderung“, so Ernst Szebedits, Vorstand der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung.

Vom kostbaren Filmerbe der Stummfilmzeit (1895 bis Anfang der 1930er Jahre) gelten bereits mehr als 80 Prozent als unwiederbringlich verloren. Von den erhaltenen und archivierten Stummfilmen sind nur circa 1,5 Prozent digital verfügbar. Aus den einzigartigen Beständen der Murnau-Stiftung, die Kaiserreich, Weimarer Republik, Drittes Reich und bundesrepublikanische Nachkriegszeit umfassen, konnte bisher nur ein Bruchteil für digitale Medien zugänglich gemacht werden. Derzeit reichen die Mittel nur für herausragende Filme aus dem Kanon der Klassiker.

Am 13. Juni erscheinen neue DVD- bzw. Blu-ray-Editionen von Das Cabinet des Dr. Caligari, Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens sowie die Friedrich-Wilhelm Murnau-Box (3 DVDs) mit den Filmen Nosferatu, Schloss Vogeloed und Faust. Die Filme aus den Beständen der Murnau-Stiftung werden in der Reihe Transit Classics von Universum Home Entertainment herausgebracht.

Zur Restaurierung von Das Cabinet des Dr. Caligari
Bei der Restaurierung arbeitete die Murnau-Stiftung mit dem Bundesarchiv-Filmarchiv in Berlin und weiteren Archiven zusammen. Neben Bertelsmann als Hauptsponsor förderten auch die VGF Verwertungsgesellschaft für Nutzungsrechte an Filmwerken und der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien das Projekt.

Die von Anke Wilkening geleitete Restaurierung erstreckte sich von April 2012 bis Januar 2014. Die Murnau-Stiftung führte dazu erstmals alle verfügbaren filmischen Quellen zusammen, konkret die Materialien von nationalen Archiven (Bundesarchiv-Filmarchiv in Berlin, Deutsche Kinemathek – Museum für Film und Fernsehen in Berlin und Filmmuseum Düsseldorf) sowie von internationalen Archiven (Archivo Nacional de la Imagen-SODRE, Montevideo; Cineteca di Bologna; British Film Institute, London; Cinémathèque française, Paris; Museum of Modern Art, New York; Cinémathèque Royale de Belge, Brüssel; Fondazione Cineteca di Milano). Die Materialien wurden in Wiesbaden analysiert und verglichen. Mit der technischen Umsetzung wurde L’Immagine Ritrovata – Film Restoration & Conservation in Bologna beauftragt. Dort erfolgten Scan, digitale Bildrestaurierung und das Mastering in 4K-Auflösung.

Die restaurierte Fassung feierte ihre Weltpremiere bei der Berlinale am 12. Februar 2014. Dabei kooperierte die Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung mit den Internationalen Filmfestspielen Berlin, der Stiftung Deutsche Kinemathek,der Stiftung Berliner Philharmoniker sowie dem ZDF in Zusammenarbeit mit ARTE und 2eleven || zeitgenössische musikprojekte.

Über den Film
Gedreht wurde Das Cabinet des Dr. Caligari von der Decla-Film-Gesellschaft Holz & Co., die 1922 von der damaligen Universum Film (Ufa) übernommen wurde. Die Dreharbeiten, deren genauen Daten nicht überliefert sind, fanden vermutlich ab September 1919 im Lixie-Atelier Berlin-Weissensee statt. In dem Film wird die Geschichte des unheimlichen Dr. Caligari (Werner Krauß) erzählt, der einen weissagenden Schlafwandler namens Cesare (Conrad Veidt) auf dem Jahrmarkt von Holstenwall zur Schau stellt. Dieser sagt einem wissbegierigen Besucher den Tod voraus und tatsächlich wird Alan (Hans-H. v. Twardowski) nachts ermordet. Francis (Friedrich Fehér), dessen bester Freund und Konkurrent um die schöne Jane (Lil Dagover), verdächtigt Caligari und Cesare und nimmt auf eigene Faust Ermittlungen auf.
Weitere ungeklärte Mordfälle ereignen sich, schließlich soll Jane auf Geheiß Caligaris von Cesare getötet werden. Es kommt zu einer Verfolgungsjagd, bei der Cesare zusammenbricht, Jane gerettet wird und Dr. Caligari in ein Irrenhaus flüchtet. Dort muss sein Verfolger Francis feststellen, dass Dr. Caligari der Direktor der Anstalt ist. Offenbar wurde dieser, beseelt von einem mystischen Fall aus 18. Jahrhundert, selbst verrückt bei dem Bestreben, einem Schlafwandler seinen Willen aufzuzwingen. Schließlich wird Caligari in eine Zwangsjacke gesteckt.
Doch mit dieser erzählten Binnenhandlung ist der Film nicht zu Ende. Denn in derRahmenhandlung kehrt Francis, der Erzähler, in die Irrenanstalt zurück, wo er alle Beteiligten als Insassen antrifft – ebenso wie Caligari, der als gütiger Anstaltsleiter nun angibt, den Schlüssel zur Heilung von Francis zu kennen. Was stimmt und wer nun wahnsinnig ist – Caligari oder Francis – lässt der Film letztlich offen.

Zur Rezeption
Schon vor der Uraufführung am 26. Februar 1920 im Berliner Marmorhaus-Kino sorgte der Film für Aufsehen. Mit dem Satz „Du musst Caligari werden“ wurde großflächig in Berlin geworben – zunächst ohne Hinweis darauf, dass es um einen Film geht. Die Ankündigung, dass es sich um den ersten „expressionistischen Film“ handeln werde, weckte hohe Erwartungen an die künstlerische Qualität. Bis auf wenige Ausnahmen stieß der Film auf eine begeistere Presseresonanz. Auch beim Publikum fand er großen Zuspruch und lief im Premierenkino vier Woche am Stück. Im Ausland erzeugte Das Cabinet des Dr. Caligari ebenfalls eine hohe Aufmerksamkeit. In Paris, London und New York lief der Film mit großem Publikumszuspruch. Gerade bei den früheren Gegnern des 1918 zu Ende gegangenen Ersten Weltkrieges polarisierte der erste Erfolgsfilm des Weimarer Kinos, für dessen Neuartigkeit der Begriff „Caligarismus“ geprägt wurde.

Das Cabinet des Dr. Caligari zählt zum Kanon der Filmklassiker. Siegfried Kracauers sozialpsychologische Schrift „Von Caligari zu Hitler“ (1947), die in Filmen des Weimarer Kinos eine kollektive Sehnsucht der Deutschen nach einem Tyrannen zu erkennen glaubte, prägt die Wahrnehmung des Films bis heute. Von den Mitwirkenden des Films, insbesondere den Drehbuchautoren und den Architekten, verbreitete Erinnerungen und Anekdoten trugen maßgeblich zur Legendenbildung um Das Cabinet des Dr. Caligari“ bei. Später aufgetauchte Dokumente wie das Originaldrehbuch ermöglichten die Dekonstruktion vieler Mythen.


Foto: Ernst Szebedits bei der CALIGARI-Premiere bei der Berlinale 2014

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